1 Sep 2012

Vorbemerkung
Religiös motivierte Beschneidung ist ein Thema von hoher emotionaler Brisanz. Sie symbolisiert in der jüdischen Tradition den Bund mit Gott („Brit Mila“). Aus dem Koran kennen wir kein entsprechendes Gebot, aber sie ist dort Teil gottgefälligen Strebens („Sunna“). Für Gläubige also Positiv-Emotionen. Für Anders-Gläubige oder Nicht-Gläubige oft aber Negativ-Emotionen. Mindestens wirken hier die Bilder aversiv, auf denen ältere Männer (teilweise schon am 8. Tag nach der Geburt und ohne Narkose)  an einem Baby oder Buben „schneiden“.

Missglücktes Opening: Stakeholder machen das Thema erst brisant
Es nimmt deshalb nicht wunder, dass gleich nach dem Kölner Urteil der Lobby-Automatismus religiöser Stakeholder (mit Unterstützung auch von christlicher Konfessionen)  ansprang –  dummerweise ohne Gefühl für und Rücksicht auf die damals noch nicht konstituierte „Gegenposition“, die  psychologisch und/oder medizinisch argumentiert.

Wieso auch? Man hatte doch das politische Berlin, die legislative Macht im Blick!
Frame A: „BESCHNEIDUNGSVERBOT HEIßT JUDEN & MOSLEMS RAUS“ wurde eingeführt, mit promter Wirkung vor allem auf prominente Politiker von CDU, SPD Bündnis90/Grüne und  FDP, die Frame B, C und D auf das Schild hoben:
B: RELIGIONSFREIHEIT UND 3000 JÄHRIGE TRADITION MÜSSEN WIR IN DEUTSCHLAND ACHTEN UND SCHÜTZEN“/
C: FOLGEN VON BESCHNEIDUNG SIND HARMLOS („3o% der Männer weltweit sind beschnitten, und die klagen nicht“)  UND ES IST HYGIENISCH/
D: JUNGEN NICHT VON IHREN RELIGIONSGEMEINSCHAFTEN AUSGRENZEN.

Kommunikativ wirkten Frame A, B, C, D  entgegen ihrer Intention. Sie machten das Thema erst zum Issue mit breiter Aufmerksamkeit. Frame A – vorgetragen unter assoziativem Verweis auf den Holocaust –  wurde als Ansage eines Denkverbots erlebt, die anderen Frames als unreflektiert, in der Eile geboren, Wort-Hülsen.

Etablierung von Gegen-Frames
Unter Bezug auch von jüdischen Stimmen gegen die rituelle Beschneidung und auf wissenschaftliche Befundlagen sind inzwischen folgende Gegen-Frames etabliert:

Frame E:  MAN TUT KINDERN NICHT WEH /
Frame F:  RELIGIONSFREIHEIT DARF NICHT ZU LASTEN VON KÖRPERLICHER UND   SEXUELLER SELBSTBESTIMMUNG VON UNMÜNDIGEN GEHEN/
Frame G: RELATIVIERUNG MEDIZINISCHER VORTEILE DER BESCHNEIDUNG/
Frame H: MEN´S HEALTH CARE – KOMPLIKATIONEN, RISIKEN NICHT ZULASSEN, SEXUELLE SENSITIVITÄT VON MÄNNERN NICHT EINSCHRÄNKEN/.

Das Establishment schlägt zurück:
Gewissermaßen als Bankrott-Erklärung retten sich Stakeholder und Befürwortungs-Politiker nun seit einiger Zeit in Agitation und Diskriminierung. Beispiele:
ATHEISTEN SIND DIE EIGENTLICHEN FUNDAMENTALISTEN UND FANATIKER/DAS AUSLAND LACHT ÜBER DIE DEUTSCHEN (CLOWNS)/GIBT ES DENN KEINE ANDEREN PROBLEME.

Resultat:
Anstelle von Entschleunigung werden Konfliktlinien verschärft. Ein Arzt hat inzwischen einen Rabbi aus dem Fränkischen verklagt wegen Körperverletzung; der israelische Vize-Premier Silvan Schalom wehrte sich dieser Tage in einem FOCUS-Interview gegen den „Skandal“ eines deutschen Beschneidungsverbots …


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